Ulrich von Sax-Hohensax (ca. 1460/1462–1538) nimmt einen einzigartigen Platz in der Militärgeschichte der Schweizer Eidgenossenschaft zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein. Als erster Oberbefehlshaber aller eidgenössischen Truppen während der Italienfeldzüge von 1512–1513 verkörpert er einen Wendepunkt, in dem die Eidgenossenschaft vorübergehend die Logik der kantonalen Kontingente überschritt, um ein einheitliches Kommando auszuprobieren. Obwohl er nie offiziell den Titel «Generalmajor» trug, macht seine funktionale Rolle ihn zu einem direkten Vorläufer des späteren Amtes des Generals der Schweizer Armee.
Herkunft und adliger Hintergrund
Ulrich von Sax-Hohensax stammt aus dem Adel der Ostschweiz, speziell aus der Linie der Sax-Hohensax, die in der Region des heutigen Kantons St. Gallen verwurzelt ist. Dieser regionale Adel, verbunden mit lokalen und kaiserlichen Mächten, stellte regelmäßig Offiziere und politische Vermittler für die Eidgenossen und ihre ausländischen Verbündeten, was den Weg für Ulrichs Karriere ebnete.
Wahrscheinlich in den 1460er Jahren geboren, wuchs er in einer Zeit auf, in der die Erinnerung an die Burgunderkriege noch lebendig war, die den militärischen Ruf der Eidgenossen endgültig etabliert hatten. Bereits früh wurde der junge Adlige in eine Kriegskultur eingeführt, die Söldnerdienst, internationale Allianzen und Kämpfe um Einfluss in Mitteleuropa und Italien verband.
Vom Söldnerhauptmann zur politischen Figur
Wie viele Zeitgenossen begann Ulrich von Sax-Hohensax seine Laufbahn als Führer schweizerischer Söldnertruppen, der Reisläufer, die in italienischen und alpenüberschreitenden Konflikten eingesetzt wurden. Im Gegensatz zu einfachen Kompaniechefs nutzte er jedoch seine militärischen Erfolge, um sich als politischer Gesprächspartner der eidgenössischen Kantone und ihrer ausländischen Partner emporzuarbeiten.
Seine Laufbahn illustriert den Aufstieg einer militärischen Elite, die sich auf die Verhandlung von Kapitulationen, Sold und Allianzen an der Schnittstelle zwischen kantonalen Interessen und denen europäischer Mächte spezialisierte. Diese doppelte militärische und diplomatische Expertise erklärt weitgehend das Vertrauen, das ihm die Tagsatzung im entscheidenden Moment der Feldzüge 1512–1513 entgegenbrachte.
Die Ernennung von 1512: Ein beispielloses Kommando
Zu Jahreswende 1511–1512 engagierte sich die Eidgenossenschaft entschlossener in den Italienischen Kriegen, an der Seite von Papst Julius II. und seinen Verbündeten, um französische Truppen aus der Lombardei zu vertreiben. Am 19. April 1512 ernannten die kantonalen Delegierten in der Tagsatzung Ulrich von Sax-Hohensax zum Oberbefehlshaber der eidgenössischen Armee; diese Entscheidung wurde Ende Mai vom Kriegsrat bestätigt.
Diese Ernennung markierte einen Bruch mit den Gepflogenheiten der Alten Eidgenossenschaft, in der das Oberkommando üblicherweise einem Kollegium kantonaler Hauptleute oblag, ohne einen einzelnen dauerhaften Führer. Zum ersten Mal wurden alle eidgenössischen Kontingente einer einzigen Person unterstellt, was Ulrich einen außergewöhnlichen Status verlieh, der rückblickend oft als der des «ersten Oberbefehlshabers» der Schweizer Armee beschrieben wird.
Der Feldzug von Pavia und der militärische Höhepunkt
An der Spitze einer Armee, die nach Quellenangaben 20.000 bis 24.000 Kämpfer umfasste, leitete Ulrich von Sax-Hohensax den Lombardenfeldzug von 1512, dessen zentrales Ereignis die Belagerung und Einnahme von Pavia war. Unter seinem Kommando vertrieben die Eidgenossen und ihre Verbündeten die französischen Kräfte und setzten vorübergehend die Schweizer Vorherrschaft im Herzogtum Mailand durch.
Dieser Erfolg steigerte das Ansehen der schweizerischen Truppen auf den europäischen Schlachtfeldern erheblich und festigte das Bild einer Eidgenossenschaft, die in die italienischen Machtdynamiken eingreifen konnte. Ulrich tritt somit in den Augen der Zeitgenossen wie der späteren Beobachter als militärisches Gesicht des «Goldenen Zeitalters» der Reisläufer hervor, als die Schweizer gleichermaßen gesucht und gefürchtet waren.
Ein Kommando an der Schnittstelle kantonaler und europäischer Logiken
Die Autorität von Ulrich von Sax-Hohensax beruhte auf einem delikaten Gleichgewicht zwischen kantonalen Interessen – eifersüchtig auf ihre Privilegien – und den Erwartungen ausländischer Verbündeter, die ein klares und effektives Kommando forderten. Durch die Akzeptanz eines einzigen Führers tat die Tagsatzung einen Schritt zur militärischen Zentralisierung, ohne auf die kantonale Souveränität über ihre Kontingente zu verzichten.
Diese Situation stellte Ulrich ebenso als Schiedsrichter und Vermittler dar wie als Militärführer, der mit der Koordination von Truppen mit vielfältigen Loyalitäten, umrahmt von kantonalen Hauptleuten und unterworfen divergierenden Interessen betraut war. Dieses Experiment eines überkantonalen Kommandos blieb jedoch eine Episode, die nicht unmittelbar von einer dauerhaften Institution gefolgt wurde.
Gegen Marignan: Der Schatten eines Abwesenden
Am Vorabend der Schlacht bei Marignano 1515 galt Ulrich von Sax-Hohensax noch als legitimer Oberbefehlshaber der eidgenössischen Kräfte. Quellen berichten jedoch, dass Krankheit ihn daran hinderte, das Feld in dieser entscheidenden Auseinandersetzung mit dem Heer Franz I. zu beziehen.
Die Schweizer Niederlage bei Marignano, die den großen territorialen Ambitionen der Eidgenossenschaft in der Lombardei ein Ende setzte, stand in scharfem Kontrast zu den Siegen unter seinem Kommando einige Jahre zuvor. Einige spätere Berichte heben diese Abwesenheit als symbolisches Element hervor, das die Ära der Triumphe 1512–1513 dem Rückschlag nach 1515 gegenüberstellt
Vermächtnis und Platz in der Schweizer Geschichte
Das Historische Lexikon der Schweiz betont den einzigartigen Charakter von Ulrich von Sax-Hohensax als «einziger Oberbefehlshaber aller schweizerischen Truppen», der von der Tagsatzung in der Alten Eidgenossenschaft während der Italienischen Kriege ernannt wurde. In dieser Rolle stellt er ein singuläres Präzedenzfall dar, ein Prototyp avant la lettre für das Amt des Generals der Schweizer Armee, das erst in den modernen Institutionen des 19. und 20. Jahrhunderts kodifiziert wurde.
Zeitgenössische Listen schweizerischer Generale erwähnen ihn oft am Rande als Gründungs- oder Vorläuferfigur und merken an, dass er den Titel nie formell trug, aber Kompetenzen ausübte, die denen eines Generals sehr nahe kamen. Für ein Museum wie das Fort de Chillon illustriert seine Biografie die langsame und umstrittene Entstehung eines schweizerischen Oberkommandos zwischen kantonaler Autonomie, Söldnerverpflichtungen und – teils vereitelten – Aspirationen zu zentralisierter Führung.
Hauptquellen
-
Dictionnaire historique de la Suisse, art. « Haut commandement », version en ligne, consulté en 2025
-
Dictionnaire historique de la Suisse, art. « Général », version en ligne, consulté en 2025
-
Administration fédérale / Armée suisse, « Ulrich of Hohensax (1460?–1538) », notice biographique en ligne, consultée en 2025
Nützliche Ergänzungen
-
« Ulrich von Sax-Hohensax », notice biographique, consultée en 2025
-
« Général de l’Armée suisse », article de synthèse, consulté en 2025
-
« Bataille de Marignan », article de synthèse sur le contexte des guerres d’Italie, consulté en 2025
-
Musée national suisse, documents pédagogiques sur l’histoire militaire suisse et les Reisläufer, consultés en 2025
